Sein, erscheinen, mitteilen: Unterhaltung und Glücklichsein in der Multimedia-Gesellschaft
Mitten im täglichen Geschehen, das uns oft kaum Zeit zum Atmen lässt,
eröffnen sich gelegentlich am Horizont Möglichkeiten zu Unterhaltung
und Ablenkung. Manchmal sind diese vorhersehbar (Ferien, Wochenenden,...)
und erlauben daher frühzeitige Planung.
In anderen Fällen sind sie lediglich kleine, unverhoffte Zeitinseln
im Treiben des akademischen Alltags: dann ist Improvisation angesagt.
In beiden Fällen handelt es sich um Zeiten nicht notwendiger, durch
Verpflichtungen vorherbestimmter Beschäftigung; Zeiten, die zur freien
Verfügung offen stehen.
Durch die Vielzahl an audiovisuellen Mitteln haben sich in den letzten
Jahren völlig neue Möglichkeiten zur Freizeitgestaltung aufgetan. Eine
Geschichte kann im Kino beginnen und später im Videospiel fortgeführt
werden.
Der Seher bleibt nicht mehr bloß passiver Empfänger, sondern verwandelt
sich in einen Protagonisten. Vom Moment an, indem er das Kommando übernimmt,
ist er es, der über das Geschehen auf immer spektakuläreren Bühnen bestimmt,
in denen die Qualität der Graphik jenen des Animationskinos immer näher
kommen.
Im Cyberspace – dem technologischen Universum, das uns umgibt – vervielfältigen
sich die Möglichkeiten; es kommt zu einer neuen Umwälzung, da die Unterhaltung
sogar die sogenannten Leerzeiten erobert, wie etwa Wegzeiten: in der
U-Bahn oder im öffentlichen Autobus nähert sich die Zahl der Wiedergabegeräte
wie mp3, iPod, o.ä. jener der Fahrgäste an; zahlreiche Elektronikprodukte,
die sich vor nicht allzu langem noch den Platz im Schlafzimmer der Jugendlichen
streitig machten, befinden sich mittlerweile in deren Hosentaschen.
Außerdem ist der Cyberspace für jene, die in der Welt der technologischen
Freizeit aufgewachsen sind, auch Möglichkeit neuer sozialer Beziehungen:
ins Internet einsteigen heißt ins Netz der Freunde, Verwandten, Klassenkameraden
und anderer Personen der wirklichen Welt einsteigen. Ihre Vertrautheit
mit der Technologie erlaubt ihnen, mit der gleichen Leichtigkeit einen
kurzen oder langen Text, ein Foto, ein von ihnen selbst hergestelltes
Video, neue Versionen von Liedern, Favoritenlisten, multimedia-Arbeiten,
etc. auszutauschen.
Ohne Zweifel: das Spektrum der Möglichkeiten hat sich um ein Angebotsfeld
erweitert, das sich großer Attraktivität erfreut. Es gibt eine größere
Auswahlmöglichkeit, aber die wichtige Frage bleibt, das Richtige zu
wählen. Glücklichsein ist nicht etwas, das “mir einfach passiert”, ohne
dass ich mich als freies Wesen aktiv dafür einsetzen müsste. Ich bin
es, der die Regeln erkennen muss, die es anzuwenden gilt, stets verbunden
mit dem Risiko, in ein billiges carpe diem zu verfallen, in eine Weile
der Erholung, die eine schlichte Zerstreuung und Flucht vor der gewöhnlichen
Wirklichkeit ist.
Unterhaltung ist keine bloß spontane Tätigkeit ohne Folgen: das Wie
deiner Unterhaltung sagt viel darüber aus, wer du bist und wer du sein
wirst. In all meinen Entscheidungen, und so auch in der Wahl meiner
Unterhaltung, präge ich mein Leben, weil die Art und Weise des Ausfüllens
meiner Freizeit keineswegs intranszendent ist: sie bestimmt die Erziehung,
die umfassende Bildung, die nichts anderes ist als die harmonische und
fortschreitende Entwicklung aller Dimensionen der Person. Jener Mensch
wird glücklich, dem es inmitten der Wechselfälle des Lebens gelingt,
sein Bestes zu geben.
Die heutigen Möglichkeiten der Freizeitgestaltung von einer humanistischen
Seite her zu betrachten hilft, eine weite Sicht zu besitzen, die sowohl
übertriebenen Alarmismus, als auch naive Unterbewertung ihrer Auswirkungen
vermeidet: wie der Steuermann, der auf offenem Meer den Standort seines
Schiffs bestimmt, wenn sich neue Strömungen nähern, und die richtige
Fahrtroute wählt, auf der.


